Als ich einen Ironman 70.3 finishte, der eine Mitteldistanz, aber keine Halbdistanz war…

Remich, Luxemburg – heute war es soweit. Mehr als sechs Monate Training sollten mit dem Finish beim Ironman 70.3 Luxemburg belohnt werden. Mit Freund Triathlet im Schlepptau ging es also nach Luxemburg, schon letztes Jahr hatte ich hier die Strecken schwimmend und radfahrend (stimmt, auch laufend) schon einmal angetestet.

Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt und drittens dann eh nochmal ganz anders.

Der Fokus beim Training lag eindeutig auf der Bike-Lauf-Kombination, allerdings wollte ich mich auch beim Schwimmen stabilisieren, denn das war ja im vergangenen Jahr meine Achilles-Ferse gewesen („Oh singet, ihr Musen, den Zorn….“ach egal, wobei es fast so episch wie die Ilias war…). Es war angerichtet, das Bike eingecheckt, das Wetter klasse, der Kurs bekannt. So standen wir und warteten auf den Start – ich selbst dann doch recht angespannt, eben wegen der Ferse.

Das Schwimmen lief okay, vor dem Hintergrund, wie blöd es letztes Jahr lief. Ich hatte es betont langsam angehen lassen, allerdings waren mir die 55 Minuten bei Ausstieg dann doch mindestens 5 eben jener zu langsam. Das kann ich besser. Aber: Schwimmen abgehakt, ohne Krämpfe, jetzt ging es aufs Bike.

Auf den ersten 36 Kilometern konnte ich mich überraschen. Jap, Rückenwind hilft, aber ich war selbst damit deutlich schneller als erhofft und weniger angestrengt als gedacht. Es rollte gut, ich konnte mich gut versorgen, die Kadenz war klasse, alles fein. Auf der Seite der mir entgegenkommenden Athleten nicht so: RTF-ähnliche Szenen, Kampfrichter eher auf „ignore“, leider auch: unschöne Überbleibsel diverser Stürze (Flaschenhalter und Flaschen, Visier, Flickzeug) Ich hoffte, dass es glimpflich ausgegangen war.

Ich kannte die Strecke: die ersten Kilometer flach, dann ab in die wunderschönen Luxemburger Hügel. Hieß: Kräfte sparen. Die ersten beiden Anstiege waren kein Problem, doch dann fingen eben jene an: Rückenschmerzen. Etwas über eine Woche vor dem Start hatte ich einen richtigen oldschool-Hexenschuss, es sollte laut dem Arzt kein Problem sein. Da steckste aber halt nicht drin, shit happens, genau an der Stelle am Rücken und so eierte ich durch Luxemburg, konnte grade noch den Lenker halten und trat, einzig um nicht umzufallen. Die Option „aufgeben“ machte sich breit in Hirn und Rücken – wie soll ich so noch bisschen über 30 km fahren? Scheibe. Der Cutoff bei KM 60 (war um 13:35 Uhr zu durchfahren) war mir bewusst, ich hatte ihn auf dem Schirm, mir aber darüber weniger Sorgen gemacht als über einige andere Dinge. Joa, da der Schnitt nun in den Keller rauschte, war um kurz nach halb zwei die Messe gelesen, die Beere geschält, die Christina zu spät, der Cutoff durch. Ich könnte mich drüber ärgern, dass es knapp war, mit ein bisschen Arschbacken zusammen kneifen vielleicht doch drin (für die restlichen 30 KM hätte man dann fast 2 Stunden zum Swim-Bike-Cutoff in Remich gehabt…), aber da machte ich mir recht wenig Gedanken.

Stand ich doch in der Luxemburger Pampa, die zwei Polizisten sowie zwei jugendliche Helfer waren recht schnell weg. „Da kommt gleich jemand.“. 5 Minuten später: nichts. 10 Minuten später: nichts. Mir kamen schon die Tränen, fast wollte ich mir im Ort Hilfe holen, da kam ein Ironman-Mobil mit zwei anderen Damen, die ebenfalls 5 vor 12 am Cutoff gescheitert waren, wir hatten uns kurz zuvor noch auf der Strecke gesehen. Rad eingeladen, die Stimmung war…naja, traurig, aber irgendwie akzeptierte ich den neuerlichen Fail. Der Iron-Chauffeur erzählte von einem schweren Unfall am Beginn der Radstrecke, bei dem ein Athlet sogar per Hubschrauber abtransportiert werden musste und so wollte ich mich gar nicht beschweren. Eins der Mädels im Auto fragte mich, ob ich laufe. Ja, ne, Rad fahre ich nicht mehr. „Joa, muss halt meinen Freund suchen, da laufe ich dann hin“. Nichts gecheckt. 10 Minuten oder so, dann waren wir in Remich. Der Iron-Chauffeur fuhr uns hinter die Wechselzone. „Da stellt ihr eure Räder rein.“ So langsam dämmerte es mir. Ich darf den Halbmarathon noch laufen. „Klar“, sagte der Iron-Chauffeur, „nicht in der Wertung, aber hau rein!“ Mit einem anderen Kollegen half er den beiden anderen Mädels und mir, die Räder über die Absperrung zur Wechselzone zu heben, ich fragte ungläubig nochmal die Kampfrichter, aber Tatsache, außerhalb der Wertung durfte ich laufen. Genial! Klar, 30 KM zu wenig auf dem Bike, dennoch eine ordentliche Vorbelastung und eine Laufstrecke, die dann insgesamt für mich schon mehr als eine Olympische Distanz war.

So lief ich regulär in die Wechsezone, stellte mein Bike ab, zog die Laufschuhe an und ab ging es! Ich wollte die Augen nach Freund Triathlet aufhalten, er hatte sich sicher gefragt, was da im Tracker los war. Glücklicherweise fand ich ihn nach hundert Metern an der Strecke, ein kurzer Schwatz, die Bitte, meiner Mum Bescheid zu geben (ja, so sind sie, egal wie alt man ist 😉 ). Mit dem Halbmarathon in 2:56 bin ich super zufrieden. Ja, 60 statt 90 KM nur in den Beinen – dennoch war die Vorbelastung deutlich spürbar. Ich konnte durchlaufen, lediglich an den Verpflegungsstellen ging ich. Die ersten beiden Kilometer meldete sich mein Rücken, aber durch die Armbewegung, die ich betont locker zu halten versuchte, ging das ganz gut. Kein einziges Mal dachte ich daran, dass es, wenn es mir um ein offizielles Finish gegangen wäre, eigentlich sinnfrei war, den Halbmarathon zu laufen. Aber ich war nach Luxemburg gekommen, um zu schwimmen, zu radeln und zu laufen, und so lief ich nach handgestoppten 6:45 und 1,9-60-21,1 oder 7:31 und 1,9-60-21,1, ein paar Tränen und einer Autofahrt ins Ziel. Das waren natürlich keine 70.3 Meilen, aber ich fühle mich dennoch als MD-Finisherin.

Ich bin mega stolz auf mich. Für mich gibt es kein „dann nächstes Mal/Jahr richtig/alle Distanzen“. Das war das viel besungene Erlebnis vor dem Ergebnis und das, was ich so oft versuche zu vermitteln: Ich suche mir raus, was mich zufrieden stellt, finishen, Zeiten, oder was auch immer. Ich würde (und werde?) definitiv wieder in Luxemburg starten, aber nicht, weil ich das Gefühl habe, etwas nachholen zu müssen, sondern weil es ne geile Veranstaltung ist.

Tausend Dank an die super freiwilligen Helfer, an die Zuschauer (ich wurde noch nie in so vielen Sprachen angefeuert), an Freund Triathlet fürs Warten.

Jetzt heißt es: Urlaub, und meinen zickigen Rücken auskurieren!

Autor: dierennschnecke

Rennschnecke und Historikerin aus Leidenschaft 5k - 42k & Triathlon Newbie

3 thoughts

  1. Toll, dass du das Ding zu Ende bringen durftest. Und deine Einstellung ist einfach wunderbar! Auch mit „nur“ 60km Radfahren ist das eine mega Leistung! Ganz herzliche Gratulation, erhole dich gut!

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