Halbmarathon Wien: Theater der Emotionen

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Platt wie ein Wiener Schnitzel, so habe ich mich nach dem 21,1 Kilometern durch das wunderschöne Wien gefühlt. Mit dem Leitmotiv „theatre of emotions“ versprach der Veranstalter, dass nach Erreichen der Ziellinie nichts mehr sein würde wie zuvor. Wie recht man damit hatte! Ich war grandios gescheitert und hatte gehenderweise 11 Kilometer Zeit, die vergangenen Wochen, das vergangene Training zu reflektieren.

Ich halte mittlerweile sehr wenig von nackten Zielzeiten, egal zu welchem Lauf man auftaucht, es geht nur noch darum, was man erreichen will (oder zu erreichen hat), bevor man jemanden überhaupt begrüsst, geht es um geplante (Halb)Marathonzeiten – dabei ist doch lediglich der Vergleich mit sich selbst sinnvoll. Doch dieses Mal muss ich meine Zeit auspacken, denn diese steht für so viel falsch gelaufenes (oder besser: nicht gelaufenes), dass ich sie nicht verschweigen möchte. Stay tuned bis zum Ende des Beitrags!

Doch von Anfang an: Die Landung in Wien war schon sehr hart, schon am ersten Abend wurde ich im Hotel um einen dreistelligen Eurobetrag erleichtert, und so saßen wir Samstags bei der Polizei und haben Anzeige erstattet. Natürlich war es unwahrscheinlich, das Geld wieder zu bekommen, doch ganz kampflos wollte ich es auch nicht aufgeben. Danach ging es durch den Prater zur Marathonmesse, dort haben wir unsere Startnummern abgeholt, die Finishershirts bekommen und haben uns umgesehen und die Zeit vertrieben.

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Startunterlagen abholen und dem Shoppingwahn widerstehen

Da ja am nächsten Tag 21 bzw. 42 Kilometer auf dem Programm standen, wollten wir auf exzessives Sightseeing an diesem Tag verzichten. Zudem ging es ja auch am nächsten Tag sehr früh los, also hieß es Füße still halten und ausgiebig Carbo loaden.

Der Start des Vienna City Marathons erfolgte am dritten Sitz der Vereinten Nationen direkt an der Reichsbrücke. Es war eisig kalt, ich bin grundsätzlich niemand, der unbedingt warmes Wetter zum Laufen braucht, aber selbst ich habe irgendwann unkontrolliert angefangen zu zittern und wollte nur noch loslaufen. Der Start der beiden letzten Startblöcke 5 und 6 erfolgte um 9:30 Uhr, die Bedingungen waren suboptimal, denn es windete stark. Mein Plan war von Anfang an, den Wiener Halbmarathon nicht auf Bestzeit zu laufen, sondern zu genießen, die Stimmung und die tolle Stadt zu erleben.

So ging ich den Halbmarathon dann auch an, recht gemächlich und langsam in einer Pace, die knapp schneller war als meine üblichen GA1-Läufe. Es ging zunächst über die Reichsbrücke, bis KM 3 gab es eine Feldertrennung, erst dann wurden die verschiedenen Startblöcke zusammen geführt. Nach dem Praterstern ging es in eben jenen, den Prater, auf der Hauptallee entlang. Schon hier standen viele Zuschauer, die anfeuerten was das Zeug hielt und eine tolle Stimmung verbreiteten. Die erste Versorgungsstelle gab es, wie zu erwarten, bei KM 5 – sämtliche Versorgungsstellen waren top organisiert und alle Helfer super motiviert und freundlich. Am Donaukanal ging es zurück in Richtung Innenstadt, ich heftete mich an die Fersen zweier Mädels, die so ziemlich genau mein Tempo liefen, viel Spaß hatten und mich einfach mit zogen. Bei KM 9 bogen wir ab in die Wiener Innenstadt, es ging am Ring entlang. Einfach nur wow! Prachtbauten neben Prachtbauten, man meinte, entweder gleich Sissi und Franz oder Mörtel Lugner hinter der nächsten Ecke zu begegnen. Das war einfach das wunderschöne Wien, wie man es sich erwartet hatte. Leider war mein Halbmarathon nicht mehr annähernd so schön. Die Stimmung nahm zu, meine Leistung nahm ab. Und irgendwann kurz nach KM 10 passierte dann das schlimmste, was hätte passieren können: Ich musste gehen. Ich konnte einfach nicht mehr. So wanderte ich dann den Ring entlang, am Naschmarkt entlang, an Schloss Schönbrunn vorbei, die Mariahilfer Straße entlang, bis ich wieder am Ring war. Mittlerweile war so ziemlich das gesamte Feld an mir vorbei gezogen. Wenn es nicht sowieso der kürzeste Weg zurück gewesen wäre, wäre ich ausgestiegen. Ich habe immer wieder versucht zu laufen, aber ich hatte keine Kraft mehr. Und mittlerweile fette Blasen an den Füßen. Die Stimmung am Ring, an der Hofburg und anderen Hotspots war grandios, fantastisch. Ich dagegen fühlte mich wie vom Besenwagen überrollt. Das hat er nicht, aber mich bei KM 17 überholt. Ich dachte nicht, dass mir das nach meinem ersten Halbmarathon in Karlsruhe noch einmal passieren müsste. Und so ging ich ins Ziel am Burgtheater und finishte den Halbmarathon in Wien in 3:13:31.

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Die Katastrophe schwarz auf weiß.

Tja. Noch nicht einmal Medaillen gab es für die letzten Finisher über 21k. Ich hatte auf den 11 Kilometern, die ich durch Wien gewandert bin, genug Zeit, nachzudenken. Mir ist einiges aufgefallen, was in meinem Training der letzten Wochen falsch gelaufen ist. Zuallererst: es waren definitiv zu wenig Laufkilometer! Es ist schön und gut, dass ich mittlerweile 2km durchkraule, aber ich kann meine Ausdauer, die ich für einen im besten Fall 2:35-2:40 Halbmarathon bauche, nicht mit 90 Minuten auf der Radrolle erhalten. Ich hatte mir mit den Triathlons und vor allem mit dem 5150 im Kraichgau weitere Trainingsreize erhofft, allerdings dachte ich nicht, dass es mich soweit vom Laufen entfernen würde. Was mich motiviert sind die Erinnerungen an die fantastische unglaubliche Stimmung in der Frankfurter Festhalle, die ich im vergangenen Oktober erleben durfte. Das ist mein Traum und ich bin bereit, jedes andere Zwischenziel bis dahin zurück zu stellen. Ich werde mit Sicherheit Triathlons absolvieren in diesem Jahr, es macht Spaß, es sind Sportarten, die sich super ergänzen – aber ich möchte am 29. Oktober in die Festhalle einlaufen.

Wien war dennoch ein super tolles Erlebnis, Freund Marathoni hat mal wieder eine tolle Leistung abgeliefert, seinen Bericht könnt Ihr hier lesen: Klick mich  Natürlich stand auch noch ausführliches Sightseeing auf dem Programm (nachdem wir uns Montags in der Wiener Therme erholt hatten). Wir sind nochmal (ich nicht wesentlich schneller) den Ring entlang gewandert, haben uns die Staatsoper, die Hofburg und noch einmal den Zielbereich am Burgtheater und am Rathaus angesehen, danach ging es nach Schönbrunn und in den Tierpark. Wien ist auf jeden Fall eine Reise wert!

 

Toll fand ich die Reaktionen auf Instagram auf meinen sonntäglichen Post. Ich bin dankbar, ein Teil dieser tollen Community zu sein. Ich bin kein Fan von Floskeln wie Mund richten und Krone abwischen oder so ähnlich – zumindest wenn es lediglich bei solchen Floskeln bleibt. „Hauptsache Finish“ ist auch so ein Klassiker. Ist natürlich lieb und nett gemeint, aber ich halte das schon aus, wenn es mal nicht gut läuft. Denn natürlich ist es in Wien blöd gelaufen, aber deswegen stecke ich nicht den Kopf in den Sand, sondern ich freue mich viel mehr über die Erkenntnis, was zu ändern ist. Und auch in einer virtuellen Welt, die voll von Selfies, Motivationsposts und strahlenden Finishern ist, darf es mal schei**e laufen.

Inzwischen ist eine Woche vergangen, ich habe mein Training neu ausgerichtet, meine Wettkampfvorhaben überdacht, bin wieder mehr laufen und werde das Schwimmen und Radfahren als Alternative und Ergänzung sehen. Also, um es mit den Worten einer bayrischen Instagram-Bekannten zu sagen: Ois easy!

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Veröffentlicht von

Rennschnecke und Historikerin aus Leidenschaft 5k - HM & Triathlon Newbie

7 thoughts on “Halbmarathon Wien: Theater der Emotionen

  1. Richtig schön und unterhaltsam geschrieben, liebe Christina! Ich wünsche Dir viel Spaß beim Training und freue mich schon darauf, über deine „Road to Frankfurt“ auf dem Laufenden 😉 gehalten zu werden. Fühl Dich aus der Ferne feste gedrückt!

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  2. Also das ist ja mal richtig scheisse gelaufen! Menschenskinder…. meine Oma hat immer gesagt…Hauptsache gesund :-). Spass beiseite Christina, lerne aus deiner gemachten Erfahrung und mach weiter. Das Gute ist, es kann nur aufwärts gehen. Bleib dran und wir sehen uns…bis bald.

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    1. Hehe, dank dir. Ja genau so sieht es aus. Triathlon ist ja echt cool, und kleine Sprintdistanzen und sogar ne Olympische gehen auch so, aber ich kann nicht beides auf einmal trainieren…Nu ja, ist ja noch nichts passiert, also immer weiter. Laufen natürlich. Bis spätestens Monnem, nehm ich an? Eine meiner Änderungen im Wettkampfplan 🙂

      PS: Meine Oma hat immer gesagt: „än schäne Mensch kann nix entstelle!“ passt zwar nicht ganz, aber der Spruch ist einfach zu gut 😉

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  3. Oh, das ist ja ärgerlich- vor allem wenn man sich noch über sich selbst ärgert. Aber das nächste mal läufts dafür bestimmt wieder besser!

    Darf ich fragen was das Zeitlimit für Wien ist? Ich bin nämlich am Überlegen welchen HM ich mir nächstes Frühjahr gönnen soll und Wien ist in der engeren Wahl, brauch aber auch so meine Zeit um ins Ziel zu kommen …

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    1. Oh, nein, nein – ich ärgere mich nicht über mich selbst, nur über das Training. Ich nehme einen so schrottigen HM nicht persönlich 😉 In Wien gibbet für den HM kein Zeitlimit, weil man am Ende ein paar KM durch ne Fußgängerzone walkt (also ich) und dann wieder mit dem Marathonfeld zusammen geführt wird. Bei denen ist das Ziel bis 15 Uhr offen, also 6 Stunden. Kann Wien an sich nur empfehlen 👍🏼

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      1. Da hatte ich mich unklar ausgedrückt, dass du dich nicht über den HM geärgert hast war rauszulesen. Ein Gutes hat es. Man weiß was man fürs nächste mal besser machen kann.

        Cool! Ich kann nämlich keine HMs brauchen nach denen nach 2:30 Schluss ist und davon gibt’s irgendwie einige. Als ob alle Läufer Speedy Gonzales wären … Dann muss ich mich entscheiden was ich nächstes Jahr um Frühjahr mache. Wien oder Schliersee …

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