Run of Thornes – Das Lied von Schweiß und Reue

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Dornig war er. Hart war er. Körperlich und mental hat er mich mehr als nur gefordert, der 20 Kilometerlauf der Winterlaufserie in Rheinzabern. Heute fühle ich mich, als hätte ich gegen den Berg gekämpft und oder eine Intrige des Lord Varys oder Olenna Tyrells überlebt. Die Frage nach meiner Lieblingsserie wäre damit auch beantwortet. Am 15-Kilometerlauf der Serie hatte ich nicht teilgenommen, den 10er mit bisheriger Bestzeit absolviert. Freund Ultraläufer wollte mich nach seinem Rodgau-Abenteuer begleiten. Gut so, denn alleine wäre ich nicht gelaufen.

Im Folgenden also die Antwort auf die Frage, wie es sich anfühlt, unvorbereitet einen 20-Kilometer-Wettkampf zu laufen. Aber auch: Ein Dank an meinen zuverlässigen Lieblingspacer Freund Marcus und all die anderen Läufer auf der Strecke, die mich in so vielerlei Hinsicht inspirieren . Und: eine Liebeserklärung an das Laufen.

Rückblende: Am 16. Dezember sind wir von Karlsruhe ins pfälzische Rheinzabern gezogen. Stressig war es, nicht nur der Umzug selbst, auch der Hausbau war natürlich Stress pur. Und mit dem Umzug hört das alles nicht auf. Pfff. Nö. Im Haus gibt es natürlich noch einige kleinere (und größere – Garten. Hust) Baustellen. Man muss sich im Alltag in der neuen Heimat zurecht finden. Das fängt ja schon damit an, dass man im Supermarkt völlig planlos beim Einkaufen durch die Gänge irrt, man die örtlichen Ärzte und die Öffnungszeiten des Bäckers, der gleichzeitig die Post ist, nicht kennt. Und vor allem: Ja wo laufen sie denn?! Gute Frage. Aufgrund des Wetters Ende Dezember und Anfang Januar mit viel Schnee und Eis war es auch nicht ganz einfach, sich neue Strecken rauszusuchen. Am Ende kristallisierte es sich am einfachsten heraus, den Radweg zwischen Rheinzabern und Rülzheim als Laufstrecke zu nutzen. Siebeneinhalb Kilometer. Das sollte zumindest reichen, um die Grundausdauer wenigstens einigermaßen beizubehalten. Und je mehr der Stress nachlässt, desto mehr Muse habe ich, mich um neue Laufstrecken zu sorgen. Also gab es am vergangenen Sonntag 11km als weitesten Lauf seit dem 10er der Winterlaufserie Mitte Dezember. Das macht dann zusammengefasst regelmäßiges Laufen einer 7,5-Kilometer-Strecke 3 mal die Woche, Radtraining auf der Rolle 2 Mal die Woche, Stabi- und Kraftübungen ebenfalls zweimal die Woche. Eigentlich alles andere als faul. Eine optimale Vorbereitung sieht dennoch anders aus. Egal. Kopf aus, Füße an.

Das Wetter am ersten Sonntag im Februar war glücklicherweise nicht mehr so eisig wie noch am Wochenende zuvor. Es war optimal zum Laufen – nicht zu kalt, windstill, eisfreie Strecke. Was die Zeit angeht, hatte ich mit erst einmal nichts vorgenommen. Realistisch eingeschätzt, wäre ein 7:20-7:25 min/km-Pace super gut auf die Strecke für mich – aber eben nur mit angemessener Vorbereitung. So war der eigentliche (!!) Plan, mit 7:25 loszulaufen. Die ersten beiden Kilometer lagen dann auch in dem Bereich, danach wurde es stetig schneller. Mir ging es gut, die Beine waren locker, ich hatte definitiv nicht das Gefühl, am Anschlag zu laufen. Die erste Runde von 10km absolvierte ich mit 1:13 und ein paar zerquetschten, in einer Pace von 7:18 min/km. Noch im Oktober wäre das meine Bestzeit auf 10km gewesen. Ich fühlte mich trotzdem gut. Bis KM 12.

Natürlich lag es auch an der nicht vorhandenen Vorbereitung, aber ich hatte auch das Gefühl, dass mich die Versorgungsstelle bei KM 10 aus dem Tritt und Rhythmus brachte. 2 Kilometer ging es noch gut, eben bis KM 12, danach wurde es ein einziger Kampf. Gegen mich, meine Beine und meinen Kopf. Den Kopf konnte ich einigermaßen überlisten, indem ich die Kilometer rückwärts runter zählte. „Nur noch 7,5 – einmal die Strecke von nach Hause bis Rülzheim und zurück. Das schaffst du locker!“ – „Nur noch 5 – die läufst du doch in 33min!“ Ja. Aber nicht mit 15 Kilometern davor. Und genau bei KM 15 hatte ich dann einen Krampf im Fuß. Glücklicherweise nicht in der Wade, denn das wäre es gewesen. Kurz gegangen und gelockert, dann weiter. Freund Pacemaker versuchte mich zu motivieren: „Auf geht’s, jetzt kommt das Bayern-Fanlied!“ (Dabei mag ich gar keinen Fußball, und das Lied kenne ich auch nicht 😉 …) Bis zu dem Zeitpunkt lief er immer vor mir, jetzt brauchte ich aber keinen Pacemaker mehr, sondern einen Begleiter neben mir. Ich bin zwischendurch ein paar Mal ein paar Schritte gegangen, um die Beine und vor allem den Fuß zu lockern. Ich war total verkrampft. Von meinen zwei Trainingshalbmarathons im November wusste ich, dass mir etwa ab KM 17-18 auch dermaßen die Oberschenkel brennen würden, also machte ich mich auch darauf gefasst. Vielleicht aufgrund des Krafttrainings, das ich seit ein paar Wochen absolviere, blieb mir das erspart. Und obwohl Frust und das Gefühl, entweder gleich heulen oder kübeln zu müssen, überwogen, freute ich mich über diesen Fortschritt. Noch einmal ging es bei KM 18 hoch nach Jockgrim zum Wendepunkt und trotz abfallender Strecke auf dem dann glücklicherweise letzten Kilometers fiel mir dieser alles andere als leicht. Aber ich mobilisierte die letzten Kräfte und lief nach 2:34:20 ins Ziel. Ich war total ko, konnte nichts mehr sagen, musste mich setzen. Mental war ich deutlich stärker ausgepowert als körperlich. Mind over matter.

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Fertig, aber zufrieden.

Vom Gefühl her war es absolut kein guter und gleichmäßiger Lauf, dennoch habe ich recht schnell gemerkt, dass ich mit der Zeit im Bereich meines bisher besten Trainingshalbmarathons im vergangenen November lag – und wenn das bei einem schlechten Lauf rauskommt, dann freue ich mich definitiv sehr auf einen besser vorbereiteten Halbmarathon im Bienwald am zweiten Märzwochenende!!!

Es war schwer, es war hart, es war nicht schön, ich hatte meinen Start zwischenzeitlich sehr bereut. Aber ich bin stolz, dass ich einen für mich so harten Lauf finishen konnte. Es war zudem einer dieser Läufe, bei denen man trotz aller Anstrengung merkt, dass man zwar aus eigener Kraft die Beine bewegen muss, man aber keinesfalls alleine ist.

Da gibt es die Top-Läufer wie Simon Stützel und Melina Tränkle, die auch uns Schnecken am Ende des Feldes inspirieren unser Bestes zu geben, auch wenn das auf einem ganz anderen Level stattfindet. Es gibt die sehr ambitionierten Läufer, die einen kennen, wie Hannes vom Chicken Express, der sich immer die Zeit nahm, zu grüßen, wenn er vorbei flitzte. Es gibt die Pacemaker der Herzen, die ganz genau wissen, wie wichtig es für uns ist, dass sie da sind – gerade auf der Strecke von und nach Jockgrim waren einige im Einsatz 😉 Und es gibt die Läufer am Ende des Feldes, die sich unterstützen, mit einem Lächeln, einem Daumen nach oben und vor allem – und das haben alle gemeinsam – mit ihrer Freude am Laufen.

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Verfasst von

Rennschnecke und Historikerin aus Leidenschaft 5k - HM & Triathlon Newbie

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